SPIEGELKIND

Spiegelkind / Leseprobe / 00

Unter der
Oberfläche.

„Das Wasser war grün.“

In den Prolog eintauchen

Spiegelkind · Falk Stirkat

Prolog

Der Anfang · ca. 7 Minuten Lesezeit

Das Wasser war grün. Er versuchte, sich an diesem Grün festzuhalten.

Oben war es hell gewesen. Oben hatte die Sonne auf dem Steg gelegen, und die Bretter hatten an den Fußsohlen gebrannt, und jemand hatte gerufen, wer zuerst am Floß sei, sei der König vom See. Jetzt war oben weit weg. Über ihm hing das Floß als dunkles Viereck, und durch die Ritzen zwischen den Fässern fiel Licht in Streifen, die sich bewegten, obwohl er sich nicht bewegte.

Er hatte noch den Geschmack von Kakao im Mund. Das war seltsam. Es war Stunden her, das Frühstück, der Becher, der Zucker, der am Boden eine braune Kruste gebildet hatte, die man mit dem Finger auskratzen musste. Aber der Geschmack war da, süß und ein bisschen bitter, und darunter der Geschmack des Sees, nach Eisen und Gras und nach etwas Altem, das man nicht benennen konnte und das immer da war, wenn man den Mund unter Wasser aufmachte, was man nicht tun sollte.

Er hatte den Mund aufgemacht.

Unter dem Floß war es kühler als oben. Das hatte ihn immer erstaunt, jeden Tag dieses Sommers, dass das Wasser zwei Schichten hatte, eine warme oben, die nach Sonnencreme schmeckte, und eine kalte darunter, in die man hineintauchte wie in einen Keller. Wenn man die Beine nach unten streckte, spürte man die Grenze an den Zehen, eine Linie, unter der der See anfing, ernst zu werden. Sie waren oft dort unten gewesen. Sie hatten die Luft angehalten und gezählt, wer länger konnte, und wer zuerst hochkam, hatte verloren, und wer verloren hatte, musste den Becher spülen.

Von unten sah das Floß aus wie ein Dach. Vier blaue Fässer, zwei links, zwei rechts, und dazwischen die Bretter, und in den Ritzen das Licht. Die Kette ging von einer Ecke schräg nach unten in die Dunkelheit, wo sie an einem Betonklotz festgemacht war, den der Vater mit einem geliehenen Anhänger aus Dinkelsbühl geholt hatte. Die Kette war grün und weich von Algen. Man durfte sie nicht anfassen. Das hatte der Vater gesagt. Man fasst die Kette nicht an, man taucht nicht unter dem Floß durch, man schwimmt nicht allein hinaus.

Sie hatten alles davon getan. Heute.

Er hatte keine Luft mehr.

Das wusste er, aber sein Körper wusste es noch nicht. Sein Körper zählte. Eins, zwei. Bei drei würde er nach oben stoßen, so wie immer, so wie er es hundertmal gemacht hatte, unter dem Floß durch und auf der anderen Seite wieder hoch, wo die anderen schon warteten und lachten.

Etwas hielt seinen Fuß.

Kein Kraut. Kraut war weich und gab nach. Das hier gab nicht nach. Es waren Finger, und sie waren kalt, und sie zogen.

Er trat.

Er trat noch einmal, mit der Ferse, und die Finger rutschten ab, und dann war da nur noch Wasser unter ihm, sehr viel Wasser, und es war dunkler als vorher.

Er stieß nach oben.

Das Licht kam in Stücken. Erst ein Streifen, dann ein zweiter, dann die ganze Fläche auf einmal, und sein Kopf durchstieß sie, und die Luft tat so weh, dass er sie gleich wieder aushustete. Das Floß war neben ihm. Er griff nach dem Seil. Er hielt sich fest.

Auf dem Floß saß niemand.

Er drehte sich um. Der See lag glatt da, bis auf die Kreise, die er selbst machte. Am Steg stand ein Junge mit nassem Haar und sah zu ihm herüber und bewegte sich nicht. Weiter hinten, auf der Wiese, ließ eine Frau einen Korb fallen. Er sah den Korb fallen, bevor er sie schreien hörte. Der Schall brauchte über das Wasser länger als das Licht. Das hatte ihm jemand erklärt. Er wusste nicht mehr, wer.

Er wartete darauf, dass hinter ihm jemand auftauchte.

Er wartete lange.


Später saß er in eine Decke gewickelt auf dem Steg, und die Bretter brannten nicht mehr. Es roch nach Sonnencreme und nach dem Schlamm, den die Männer von den Stiefeln traten. Einer trug eine orange Jacke. Einer hatte ein Funkgerät, das knackte, und jedes Mal, wenn es knackte, sah die Frau auf.

Sie kniete vor ihm. Ihre Hände lagen auf seinen Wangen, rechts und links, so fest, dass seine Zähne aufeinanderdrückten. Sie sah ihn an, als suche sie etwas in seinem Gesicht, und er wusste nicht, was es war, und hielt still, damit sie es fand.

„Sag was“, flüsterte sie.

Er sagte nichts. Die Wörter waren noch unter dem Floß.

Sie drückte ihn an sich. Ihr Kleid war nass, weil er nass war. Über ihre Schulter sah er den See, und das Licht darauf, das sich wieder in Streifen gelegt hatte, als wäre nichts.

Dann sagte sie einen Namen.

Sie sagte ihn noch einmal, leiser, in sein Haar hinein, und dann immer wieder, als müsse sie ihn festnageln, bevor er ihr wegschwamm.

Er ließ sie.

Hinter ihr, auf dem Steg, stand noch immer der Junge mit dem nassen Haar. Einer der Männer hatte ihm ein Handtuch über die Schultern gelegt, ein gelbes mit einer Ente darauf, und der Junge hielt es mit beiden Fäusten unter dem Kinn zusammen und rührte sich nicht. Er sah herüber. Er sah ihn an, über die Schulter der Mutter hinweg, mit einem Gesicht, das er nicht kannte, obwohl er es jeden Tag gesehen hatte, den ganzen Sommer, am Zaun, am Steg, am Küchentisch über einem gelben Becher.

Er wollte etwas zu ihm sagen. Er wusste nicht, was.

Ein Mann mit einer Mütze kam über die Wiese und sprach mit dem Mann mit dem Funkgerät, und dann sprachen beide mit der Frau, leise, und die Frau schüttelte den Kopf und hörte nicht auf, ihn festzuhalten. Ein Taucher ging an ihnen vorbei, schwarz und glänzend wie ein Seehund, mit Flossen in der Hand, und setzte sich am Ende des Stegs auf die Kante, genau dort, wo sie heute Morgen gesessen hatten, die Zehen über dem Wasser, und ließ sich hineinfallen, rückwärts, ohne ein Geräusch.

Er sah auf die Stelle, an der der Taucher verschwunden war. Blasen kamen hoch. Sie kamen in kleinen Gruppen, drei, vier, dann eine Pause, dann wieder drei. Er zählte sie. Er zählte sie, bis die Frau seinen Kopf an ihre Brust drückte und er nichts mehr sah als den Stoff ihres Kleides, Blumen, blau auf weiß, nass und dunkel geworden, wo er sie berührte.

„Nicht hinschauen“, sagte sie. „Schau mich an. Nur mich.“

Es gab Fragen, bei denen man durch ein Ja etwas falsch machte, und Fragen, bei denen es das Nein war. Diese hier hatte ihn niemand gefragt.


In der Nacht lag er im linken Bett.

Er wusste nicht, wer ihn hineingelegt hatte. Er wusste nicht, wer ihm den Schlafanzug angezogen hatte, den mit den Raketen, der ihm an den Knöcheln zu kurz war. Er wusste nur, dass er im linken Bett lag und dass das rechte leer war und glatt und gemacht, mit dem Kissen aufgeschüttelt, wie die Mutter es jeden Morgen aufschüttelte, mit zwei Schlägen der flachen Hand, rechts und links.

Unten in der Küche sprachen Erwachsene. Er hörte den Vater, der nicht weinte, und die Stimme eines fremden Mannes, der langsam sprach, wie man mit Kindern spricht oder mit Kranken. Er hörte die Mutter nicht. Dann hörte er sie doch. Sie war nicht in der Küche. Sie stand vor seiner Tür.

Er sah den Streifen Licht unter der Tür und darin zwei Schatten, ihre Füße. Sie bewegten sich nicht. Sie standen dort lange, so lange, dass er dachte, sie sei vielleicht im Stehen eingeschlafen, wie die Pferde auf der Koppel hinter dem Feuerwehrhaus.

Dann ging die Tür auf.

Sie kam nicht herein. Sie stand im Türrahmen, das Licht vom Flur im Rücken, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur die Umrisse, die Haare, die sich aus dem Knoten gelöst hatten, und die Hand, die sich am Türrahmen festhielt.

„Schläfst du?“, fragte sie.

Er sagte nichts. Er hielt die Augen halb geschlossen, so wie man es machte, wenn man so tat, als ob.

Sie kam doch herein. Sie setzte sich auf die Kante des rechten Bettes, des leeren, und strich mit der Hand über das Kissen, einmal, zweimal. Dann stand sie auf und kam zu ihm und beugte sich über ihn, und er roch den See an ihr, immer noch, und das Waschmittel, und etwas Scharfes, das er später als Schnaps erkennen würde, den ihr irgendjemand in der Küche hingestellt hatte.

Sie sagte den Namen wieder. Ganz leise. Sie sagte ihn wie eine Frage, und dann noch einmal, wie eine Antwort.

Dann deckte sie ihn zu, bis zum Kinn, und ging hinaus und ließ die Tür einen Spalt offen, damit das Licht vom Flur hereinfiel. So hatte sie es immer gemacht. Für beide.

Er lag da und sah das rechte Bett an, bis der Lichtstreifen grau wurde.


Die Geschichte geht weiter.

Zurück an die Oberfläche.
Und dann?

Im ersten Kapitel beginnt die Nachtschicht auf Station 4B.

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